Ausgabe Nr. 02/2005

Glauben und Leben

Jürgen Fliege in Olpe

Der bekannte Fernsehpfarrer Jürgen Fliege übernahm für fünf Tage eine Kirchengemeinde in Olpe. Holger Spierig berichtet, wie es ihm dabei erging.

Alles blickt zum Himmel. Kein Helikopter in Sicht. Kameraleute, Tontechniker und Regiemitarbeiter geben Anweisungen über Mikrofon. Der Start habe sich verzögert, machen Nachrichten die Runde. „Gut, dann drehen wir die Schüler", bestimmt die Regie. 20 Kinder der Olper Hauptschule nehmen Aufstellung und spielen zu Ehren des Gastes das Stück „School’s Spirit", zu deutsch: „Schulgeist".

Wenigstens der Gast ist schon da. Der TV-Moderator und rheinische Theologe Jürgen Fliege hatte bereits am Tag zuvor in seiner neuen Gemeinde Vorbereitungsgespräche geführt. Endlich kommt auch der Hubschrauber. Extra für die Kameras wird jetzt Flieges Ankunft noch einmal inszeniert: Der prominente Gottesmann entsteigt dem Hubschrauber und wird von Ortspfarrer Bernd Woydack begrüßt.

Fliege ist eingeflogen. Für fünf Tage übernimmt der Fernsehstar, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, die Amtsgeschäfte des Ortspfarrers. Während der Olper Amtsinhaber in dieser Zeit auf Einladung der Fernsehproduktion Israel besucht, stehen in Flieges Terminkalender nun Gottesdienste, Taufen, Gemeindebesuche und Konfirmandenunterricht. Ständige Begleiter: die Fernsehkameras. Denn der Besuch soll in einer vierteiligen Reihe, voraussichtlich Anfang April, in der ARD ausgestrahlt werden.

Für Fliege sind Dreharbeiten und Gemeindearbeit keine Gegensätze. Seiner Auffassung nach steht ein Pfarrer ohnehin im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Diskutieren könne man höchstens, wann es zuviel der Show werde. Er lege jedoch Wert auf Echtheit. Deshalb ziehe er auch in das Gästezimmer des Pfarrhauses ein, anstatt im Hotel zu übernachten. Mit den Sendungen will er zeigen, wie der Alltag in einer Gemeinde funktioniert.

Den Gedanken, für eine Weile wieder in den Talar zu schlüpfen, habe er schon länger gehabt, erzählt Fliege, der vor seiner Fernsehkarriere 15 Jahre lang als Gemeindepfarrer in Düsseldorf, Essen und in der rheinischen Bergarbeiterstadt Aldenhoven gearbeitet hat. „Die Zuschauer wünschten es, die Produktionsfirma wünschte es und bei mir gab es eine Sehnsucht, das zu tun", begründet Fliege den Schritt. „Ich kann gut taufen, gut trauen und gut bestatten", sagt Fliege selbstbewusst.

Der für die Olper Gemeinde zuständige Superintendent des Kirchenkreises Siegen, Friedemann Hillnhütter, ist hin- und hergerissen. „Seelsorge und Fernsehen passen nicht zusammen", erklärt er. In Gesprächen mit der Produktionsfirma und der Gemeinde habe er sich jedoch überzeugen lassen, dass sehr gewissenhaft vorgegangen werde. Außerdem tue der kleinen Diaspora-Gemeinde im katholischen Gebiet ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit gut.
Grenzen will er nicht überschreiten, so Fliege. „Filmen beim Beten ist tabu, das muss seine Heiligkeit behalten". Auch Szenen, die Menschen unvorteilhaft erscheinen lassen, sollen im Schneideraum bleiben.

Fliege hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende seiner fünftägigen Amtszeit 30.000 Euro für die Sanierung des Gemeindekindergartens zusammenzubringen. Auch einen Gospelchor will er auf die Beine stellen. Für Proben hat er den bekannten Entertainer Ron Williams angeheuert.
Schon beim ersten Gottesdienst mit Fliege kommen mehr Leute in die Kirche als zur Weihnachtszeit. Die 200 Sitzplätze in der Backsteinkirche, normalerweise nur zur Hälfte belegt, reichen nicht aus. Die später Kommenden können sich jedoch eine Übertragung des Gottesdienstes im Gemeindehaus ansehen.Fliege verbreitet von Anfang an Mitmachstimmung. Er redet nicht über die Gemeinde hinweg, sondern mit ihr. Auch gelacht wird gelegentlich. Nach einem müden Hallelujah-Gesang ruft Fliege in die Gemeinde: „Können wir das noch mal hören – jetzt richtig mit Stoff?" Beim nächsten Versuch: „Stellt euch vor, ihr seid bei Borussia in der Westkurve."

Für seine Predigt lässt Fliege die Bibel zugeschlagen – „das ist so etwas wie eine Hausapotheke, da weiß man im Notfall, wo was steht". So redet er ohne Manuskript über „die Medizin der Bibel": Fürsprache, Beistand und Trost. „Wir müssen wieder geben lernen, ohne die Wirkung kontrollieren zu wollen", legt Fliege das Gleichnis über das Senfkorn aus. „Die Welt braucht Leute, die gut sind. Keine Kontrolleure."

Ihre Fähigkeit zu geben, kann die Gemeinde gleich am Ende des Gottesdienstes unter Beweis stellen. Für die Sanierung des Gemeindekindergartens geht Fliege durch die Reihen und sammelt persönlich die Kollekte ein. Dafür hält er den Talar vor sich wie ein Sterntalerkind. Am Ausgang können weitere Spenden am „Fliege-Mobil" abgegeben werden. Tatsächlich hat Fliege am Ende seiner fünftägigen Amtszeit sein Ziel erreicht. Im Abschlussgottesdienst kann er Pfarrer Woydack, der aus Israel über Telefon zugeschaltet ist, das stolze Ergebnis verkünden.

Und die Gemeinde? An den Kameras haben sie sich nicht gestört. Nur einige skeptische Beobachter fragen sich zuweilen, wo Wahrhaftigkeit aufhört und Inszenierung anfängt. Als ein Kind während der Trauung in der Kirche zu quengeln beginnt, nimmt Fliege es auf seinen Arm und wiegt es vor dem Altar im Takt zum gesungenen Lied. So etwas kommt bei der Fliege-Gemeinde an. TV-Profi Fliege weiß, dass das auch ein schönes Fernsehbild ist.

Die Zeit in der Gemeinde hat wohl auch bei Fliege Spuren hinterlassen. „Mit fortschreitender Dauer hat er sich zunehmend vom TV-Profi zum Seelsorger gewandelt", hat Gemeindesekretärin Sabine Kantelhardt beobachtet. Immer öfter habe Fliege den Drehplan umgeworfen und stattdessen die vertraulichen Gespräche mit den Menschen aus der Gemeinde gesucht, erzählt sie anerkennend. Die Kameras seien dabei vor der Tür geblieben.

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