Ausgabe Nr. 02/2007

Ruth Zacharias

Pastorin in einer Welt ohne Licht und Töne

Wie ein 66-Jährige aus Sachsen vielen taubblinden Menschen das Evangelium bringt.

Sie können weder sehen noch hören. Die Welt erschließt sich ihnen nur durch Tasten, Riechen und Schmecken. Taubblinde Menschen leben in einem tonlosen Dunkel. Etwa 5000 gibt es in Deutschland; viele von ihnen lebten in voller Gesundheit und verloren Augenlicht und Gehör in der Mitte ihres Lebens. Blind und taub sein - das bedeutet, dass 80 Prozent der Sinneseindrücke ausfallen. Kein Kino, kein Radio, keine Zeitung. Der Geist verhungert. Taubblinde sind auf Begleiter angewiesen, die ihnen die lebenslängliche Einzelhaft erleichtern. für die 66-jährige Ruth Zacharias ist die Arbeit mit taubblinden Menschen zur Berufung geworden. Mit 22 Jahren wird sie Leiterin des evangelischen Taubblindendienstes in der DDR; heute ist sie Leiterin des Taubblindendienstes der EKD. Sie selbst ist seit ihrem zehnten Lebensjahr blind.
Nach dem Schulabschluss an einer Blindenschule macht sie eine Ausbildung zur Katechetin und Gemeindehelferin und arbeitet in der Evangelischen Blindendruckerei in Wernigerode im Harz als Schriftsetzerin und Korrektorin. Dort lernt sie erstmals einen Taubblinden kennen. "Es hat mich Überwindung gekostet, mich auch das Schicksal dieser Menschen einzulassen", sagt Zacharias. "Aber ich spürte, dass Gott mich für diese Arbeit will." Sie lernt, mit dem Herzen zu hören, den Schmerz, die Einsamkeit des anderen auszuhalten. "Wenigstens sind Sie blind", hat einmal ein taubblinde Mann zu ihre gesagt. "Denken Sie nach über das Gefängnis, in dem wir Taubblinden sitzen. Dann kommen Sie uns näher."
In Radeberg bei Dresden betreibt der Taubblindendienst einen riesigen botanischen Garten, das "Storchennest". Mehr als 1000 Pflanzenarten gibt es zu bestaunen: Römische Rasenkamille, Korsische Minze, Geißklee, Indianernessel und Eberraute, Zaubernuss und Zierkirsche. Zu jeder Jahreszeit duftet es irgendwo im Garten. Mit Bänken zum Ausruhen und Handläufen, die Orientierung geben. Es ist ein Paradies der Düfte. Ein Garten, der dankbar macht. Neun Gästezimmer gibt es im "Storchennest". Die Preise sind ungewöhnlich niedrig, ein Tag Vollpension kostet 26 Euro. Wer diese Summe nicht aufbringen kann, ist dennoch eingeladen. "Wenn jemand nicht genug Geld hat, zählt für uns die Behinderung, nicht das Bankkonto", sagt Zacharias. "Wer kommen will, soll kommen können."
Mit taubblinden Menschen verständigt man sich von Hand zu Hand. Buchstabe für Buchstabe gibt man weiter, indem man seinem Gesprächspartner auf Finger und Handteller tippt. Das Ende eines Wortes wird durch einen leichten Schlag auf die Hand angedeutet. Aus Buchstaben werden Worte, aus Worten Sätze. Es sind Gespräche, die Zeit brauchen. Ein Alphabet der Nächstenliebe.
Ruth Zacharias hat tausende Briefe geschrieben. Sie organisiert Rüstzeiten und Gottesdienste und hat zwischen all den Arbeiten auch noch Theologie studiert. Vor allem aber reist sie durchs Land, um Taubblinde zu besuchen. Darunter sind Menschen, die an Gott verzweifeln, bitter werden. Wo ist Gott? Welchen Sinn hat mein Leben noch? Ein Frau, die mit sechs Jahren durch eine Gehirnhautentzündung Gehör und Augenlicht verlor, hat für sich eine Antwort gefunden. Auf einer Rüstzeit gibt sie sie an Teilnehmer weiter: "Ich beherzige in meinem Leben Römer 8, 28: ,Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.' Tun Sie es auch so, dann haben Sie immer Frieden." Der Satz wird für Ruth Zacharias zum Vermächtnis.
Zu den Gottesdienste, zu denen Zacharias einlädt, kommt jeder Taubblinde mit einem Begleiter, der die Predigtworte übersetzt. Es gibt keine Liturgie, dafür das Abendmahl und den Segen mit Handauflegung. Gottes Worte schmecken und fühlen. Die Predigt ist langsam und kurz. "Blinde werden sehen und Taube hören", verspricht Jesus. Was das bedeutet, kann man wohl nirgendwo besser begreifen als in einem solchen Gottesdienst.

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