Andacht

Andacht aus der evangelischen Wochenzeitung Unsere Kirche

Die Andacht
zum Sonntag Kantate hält Matthias Nagel. Er ist Kirchenmusikdirektor und Dozent
für Popularmusik der EKvW. Der Predigttext steht bei Matthäus, Kapitel 21, die
Verse 14 bis 17

Und es kamen
zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die
Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die
Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!,
entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus
sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen: „Aus dem Munde der Unmündigen und
Säuglinge hast du dir Lob bereitet“? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt
hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Einfache
Version: Jesus heilt – Kinder machen Radau – Priester sauer – Jesus haut ab.
Mit Übernachtung.

Etwas
differenzierter: Jesus vollbringt Wunder – Kinder staunen über das Erlebte und
loben Jesus in einer gewissen Grundlautstärke – die Schriftgelehrten sind
verärgert über die spontane Begeisterung der Kinder – Jesus sagt den Priestern
seine Meinung und geht, um über Nacht fortzubleiben.

Noch detaillierter:
Blinde und Lahme werden im Tempel auf wundersame Art und Weise von Jesus
geheilt – die im Tempel anwesenden Kinder haben so etwas noch nie gesehen und
sind dermaßen begeistert, dass sie laut rufen und Jesus anpreisen – Das
Priester-Gremium mag so etwas nicht, weil ihnen gerade etwas entgleitet – Jesus
beobachtet das priesterliche Verhalten sehr kritisch, sagt ihnen mit Hilfe
eines passenden Psalm-Zitates seine Meinung hierzu und geht, um bis zum
nächsten Tag fortzubleiben.

Wie grob
oder wie detailliert wir auch in diese Geschichte hineinschauen – die
Bruchstelle oder Nahtstelle in dieser Episode bleibt immer gleich. Diese
besteht für mich in der unerwartet negativen Reaktion der führenden Priester,
nachdem Jesus Kranke geheilt hat! Diese Heilung ist doch etwas ganz Positives,
also sollte es Beifall und Zuspruch geben. Denn Wunder erlebt man nicht alle
Tage. Die Kinder zeigen spontan, offen und ehrlich ihre Begeisterung. Sie
wissen nicht, dass sie „etwas Schlimmes“ getan haben. Aus Sicht der Kinder war
es gewiss ein „super Tag“, besser als auf jedem Abenteuerspielplatz…

Aus Sicht
der führenden Priester, zu denen übrigens Mitglieder der Tempelpolizei,
Tempelaufseher, Schatzmeister sowie weitere adelige Priester gehörten, war es
kein gelungener Tag. Erst die unerwartete Heilung, die nicht in ihrer Agenda
für den Tag stand, dann eine spontane Sympathiekundgebung einer ohnehin im
Tempel ungern gesehenen Kinderschar, und dann bekommen sie noch von Jesus die
Meinung gesagt. Dieser hält ihnen, die sie doch „die Schrift gern erfunden
hätten“ auch noch eine andere Bibelstelle vor, die sie gerade ignoriert hatten.
Als wenn das nicht genug wäre, verlässt Jesus auch noch demonstrativ den
Tempel. Die Priester „stehen zwar nicht im Regen“, aber „souverän“ geht anders…

Dieser Text
ist für mich ein Schlüsseltext der Bibel: Spontanes Leben und Loben steht über
starren Traditionen. Spontaner Beifall steht über liturgisch-rituellem
Lobpreis. Kindermund („…tut Wahrheit kund“) steht über festzementierten
Erwachsenenmeinungen.

Wir können
und sollten zwar Regeln, Verfügungen, Leitbilder, Tagesordnungen, Pläne,
Exceltabellen und sonstige Vorgaben aufstellen, aber die Spontaneität muss sich
dennoch stets zeigen und entfalten können. Das gelingt uns im kirchlichen
Alltagsleben zwar manchmal, aber nicht immer. Wie wäre es mal mit einem
spontanen Lied zwischendurch in der Presbyteriumssitzung, mit einer
Unterbrechung einer klassischen Chorprobe durch einen einfachen
Taizé-Rundgesang, mit einem im Gottesdienst spontan eingefügten Lied, welches
nicht auf der Liedertafel steht? Jesus sagt mit seinem Hinweis auf die
Säuglinge und Kinder auf zugegeben etwas provokante Weise, dass wir mehr
Unbekümmertheit, mehr natürliche Lebendigkeit, mehr „ohne Filter“ brauchen. Ja
– so stelle ich mir eine lebendige Kirche vor.

Übrigens –
wissen Sie, wer sich dieses sicherlich ebenso vorstellt: Die Blinden und Lahmen
dieses denkwürdigen Tages im Tempel. Ich war zwar nicht dabei, könnte mir aber
denken, dass es für sie der schönste Tag ihres Lebens war.

Herr, du
schenkst uns in der Bibel im wahrsten Wortsinn wunderbare Geschichten. Öffne
unsere Augen und Herzen, damit wir erkennen, dass wir die Unbekümmertheit und
Sorglosigkeit unserer Kinder in Kirche und Gesellschaft brauchen, um lebendig
zu bleiben. Amen.

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