Portrait

Friedrich von Bodelschwingh

Er war Christ,
Monarchist und Reformer. Friedrich von Bodelschwingh war die prägende
Persönlichkeit für das diakonische Unternehmen Bethel, auch wenn er nicht der
Gründer war. Holger Spierig stellt ihn in UK vor.

Als die
Fernsehzuschauer im Jahr 2003 die 100 besten Deutschen wählten, kam Friedrich
von Bodelschwingh auf den 73. Platz. Bodelschwingh war die prägende
Persönlichkeit für das diakonische Unternehmen Bethel. Er steht für
diakonisches Engagement wie für höchst effizientes Unternehmertum im Dienst für
Arme, Kranke und Schwache. „Neue große Nöte bedürfen neuer, mutiger Gedanken“,
war das Lebensmotto des evangelischen Theologen.

Unter seiner
Leitung wuchsen die nach ihm benannten v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel
in Bielefeld zu einem der größten diakonischen Unternehmen Europas. Das am 2.
April 1867 als „Rheinisch-Westfälische Anstalt für Epileptische“ gegründete
Werk feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag.

Der 1831 in
Tecklenburg geborene Theologe sei ein Wegbereiter einer „Moderne mit
menschlichem Antlitz“ gewesen, schreibt der Historiker Hans-Walter Schmuhl in
seiner Bodelschwingh-Biographie. Der erste Bundespräsident Theodor Heuss nannte
Bodelschwingh wegen seines geschickten „Fundraisings“ anerkennend „den
genialsten Bettler“, den Deutschland je gesehen habe.

Bodelschwingh
war nicht der Gründer der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Doch ohne
seine Ideen, sein Engagement und seine starke Frömmigkeit wäre Bethel nicht zu
dem geworden, was es bis heute ist. In den 38 Jahren seiner Leitung baute
Bodelschwingh die kleine Pflegeeinrichtung für Epilepsiekranke zu einer
Ortschaft nahe der Bielefelder Altstadt aus und erschloss obendrein immer neue
Arbeitsfelder.

„Sein
Einsatz für epilepsiekranke Menschen, für Wanderarbeiter, für behinderte oder
benachteiligte Menschen ist bis heute beispielhaft und zugleich prägend für
Bethel“, sagt der heutige, inzwischen neunte, Bethel-Chef Ulrich Pohl. Bodelschwingh
habe im 19. Jahrhundert den Blick der Gesellschaft auf die Menschen an ihrem
Rand, auf Menschen in Not gelenkt.

In Bethel
erhielten schon bald nicht nur epilepsiekranke Menschen Hilfe, sondern auch die
Opfer von sozialer Not in Zeiten der Industrialisierung. Als Bodelschwingh im
Jahr 1872 an die Spitze der Einrichtung berufen wurde, wurden dort 150
epilepsiekranke Menschen betreut. Als er 1910 starb und sein Sohn Fritz die
Leitung übernahm, zählte man rund 2000 „Pfleglinge“.

Nach seinem
Theologiestudium war Bodelschwingh für die „Evangelische Mission unter den
Deutschen in Paris“ als „Gassenkehrerpastor“ in den Armenvierteln tätig
gewesen. Der kurz aufeinanderfolgende Tod vier seiner Kinder im Jahr 1869 wurde
für ihn zum Schlüsselerlebnis. Da habe er bemerkt, „wie hart Gott gegen
Menschen sein kann, und darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere“,
notierte Bodelschwingh, der von der Frömmigkeit der christlichen
Erweckungsbewegung stark geprägt war.

Von seiner
Herkunft her war Bodelschwingh alles andere als ein Sozialrevolutionär. Der
Sohn eines preußischen Ministers und Jugendfreund von Kaiser Friedrich III. war
ein christlicher Monarchist, der sein Leben lang ein großer Bewunderer des
Hauses Hohenzollern blieb.

In Bethel
wirbt man heute denn auch für eine differenzierte Betrachtung des Namensgebers.
Bereits zu Lebzeiten sei Bodelschwingh zu einer „Heiligengestalt“ verklärt
worden, schreibt der Historiker Schmuhl in der von Bethel geförderten
Biographie. Zu den Ecken und Kanten seines Charakters gehörten aber auch „die
geistige Enge seines Glaubens, ein Sendungsbewusstsein, das es ihm schwer
machte, andere Meinungen gelten zu lassen“, sowie „sein mild patriarchalischer,
dennoch autoritärer Führungsstil“.

Beitrag anhören:

Um die Datei anzuhören, benötigen Sie den aktuellen Flashplayer

Audiodatei zum Download:

317-Portrait Friedrich von Bodelschwigh.mp3 317-Portrait Friedrich von Bodelschwigh.mp3 (4.355,7 kB)